Tänzer in der Nacht

In der Nacht sind wir plötzlich aufgewacht, weil Pfeifen und Trommeln an unser Ohr gedrungen ist. Irgendwie und völlig unerklärlich fühlen wir uns beklommen und seltsam eingeengt. Johannes, unser Jüngster fängt in seinem Bettchen zu weinen an. Der Hund vor der Türe winselt. Ein Rundgang durchs dunkle Haus und ein Blick durch die Fenster nach draußen in die Vollmondnacht ergibt nichts verdächtiges. Der Wind rauscht in den Bäumen und Büschen, alles ist wie immer. Nur dieses Pfeifen und Trommeln und die ungewohnten Laute, Jauchzen und schreien. Ich beruhige den Hund. Er verkriecht sich in seine Ecke, weil er vertraute Menschen um sich weiß. Wir legen uns wieder ins Bett, Johannes in der Mitte und versuchen einzuschlafen – begleitet von den fremden Klängen.

Am nächsten Tag fragen wir unseren Steward nach diesen Vorgängen. "Oh, sie feiern ihre religiösen Feste, da wird gepfiffen und getrommelt" – und zu meiner Frau gewandt: "Das ist nichts für Frauen. Wenn eine Frau dazukommt, wird sie sich die Knochen brechen". Viel mehr war nicht aus ihm rauszubringen.

Wer sind diese Menschen?

Neugierig geworden, haben wir uns auf die Suche gemacht, um mehr über die Menschen zu erfahren. Wir haben Leute aus der Gemeinde gefragt, Missionare berichten lassen und nach Literatur gesucht und einiges erfahren. Die Menschen auf der linken Seite des Flusses um die Ortschaften Zing, Lankoviri und Jalingo gehören zum Stamm der Mumuye. Sie sind, wie die Nachbarstämme, vor mehr als tausend Jahren aus dem oberägyptischen Raum, Quer durch den Sudan hier eingewandert. Ihr Sonnengott heißt "Va" (der ägyptische Sonnengott heißt "Ra". Die Mumuyepriester haben, wie die Pharaos, einen ägyptischen Krummstab, der ihre Würde symbolisiert. Va symbolisiert sich in hölzernen Totempfählen und in der uralten stierköpfigen Tanzmaske des Priesters. Diese Maske im Haus des Priesters muss um Rat gefragt werden in diversen Fällen des Lebens. Der Priester schlachtet ein Huhn, sprengt das Blut über die Maske und spricht: "Wir kommen zu Dir, oh Va, nicht von uns aus, sondern weil unsere Vorväter es uns so gelehrt haben. Wir bitten Dich, hilf uns in diesem Fall!" Dann essen die Männer das Huhn und warten auf Hilfe. Der Sonnengott Va und der Priester muss aber nicht immer gefragt werden. Für Familienfälle und häusliches Unglück reicht es, die Toten zu befragen. Zu diesem Zweck werden die Köpfe der Eltern und Voreltern in Tonkrügen in der Hütte aufbewahrt. Hat ein Familienoberhaupt anhaltendes Unglück, dann werden die Köpfe hervorgeholt und gebeten, dass das Unglück weichen möge. Frauen sind von allen religiösen Kulten ausgeschlossen. Kommt durch Zufall eine Frau zu einer religiösen Handlung, dann werden ihr die Knochen gebrochen, so dass sie ganz bestimmt schweigen wird.

Was wir in jener Nacht gehört haben, war die Weihe der 13- und 14-jährigen Jungen, die nach diesem Fest dann als Männer gelten und an religiösen Handlungen teilnehmen dürfen.

Menschenopfer

Letzte Woche haben die "Julu-Tänze" stattgefunden. Die Männer haben Korn gebracht und eine Ziege. Der Priester hat das Korn zu Va gebracht, es weihen lassen und die Ziege geschlachtet. Es soll eine gute Saat geben und die Opferziege soll Va veranlassen, Regen zu senden. Es ist vorgekommen, dass in Jahren anhaltender Dürre, Menschenopfer gebracht werden. Dazu muss ein Mensch eines anderen Stammes herhalten. Weiße sind davon nicht betroffen, die haben ja einen "anderen Gott". Bei ihrem Julu-Fest haben sie getanzt, getrommelt, und gejauchzt und gepfiffen und um Regen gebetet. All das drei- bis vierhundert Meter hinter unserem Haus, auf dem Feld bei ein paar Felsen.

Ich habe dererlei Geschichten gedanklich immer ins 19. Jahrhundert abgeschoben, aber sie ereignen sich 1982. Man kniet gottergeben bei Vollmond vor Fratzen, Pfählen und Totenschädeln und betet um Hilfe. Das passiert zu einer Zeit, in der man in wenigen Stunden von London nach New York fliegen kann, in der man Fotos von unserem Nachbarplaneten empfängt und von Lagos nach Amsterdam, Paris oder London telefonieren kann.

Jesus macht frei!

Da gibt es lange und erbitterte Diskussionen, ob Entwicklungshilfe nicht besser sei als Evangelisation, und zur gleichen Zeit blüht hier der Animismus. Hier gibt's zunächst nichts zu entwickeln, hier muss zuerst die Botschaft von der Befreiung verkündet werden. Das Wort des Apostels Johannes ist mir eingefallen: "Wen Jesus frei macht, der ist wirklich frei." Wenn hinter Büschen und Felsen keine Dämonen wehr sitzen, wenn nicht mehr das "böse Wasser" krank macht und im Krankheitsfall das stark pochende Herz als Dämon bezeichnet wird und wenn dafür der Geist der Liebe Jesu einzieht, Dann kann Entwicklung folgen.

In der Mumuyesprache gibt es den Begriff "Rettung" nicht. Man hat keine "Sünden" oder "sündigt" auch nicht. Man macht höchstens "Fehler". So ist in der Verkündigung Jesus als Befreier von allen Götzen und Dämonen, an die geglaubt wird, zu verkündigen. Jesus ist zu verkündigen als der, der die Angst nimmt. Es muss gesprochen werden von dem neuen, dem hellen Weg, auf dem es dann auch möglich ist, sich gegenseitig anzunehmen. Die Geschwister in der Muri-Kirche geben sich große Mühe im Evangelisationsdienst. Seit Jahren schon wird an der Übersetzung des Neuen Testaments in die Mumuyeprache gearbeitet. Die Gemeinden wachsen. Manchmal stößt man freilich noch auf Stammesdenken und Misstrauen, denn wer sich Jahrhunderte lang Feind war, kann nicht von Heute auf morgen dicke Freundschaft pflegen. Doch es gibt vor allen Dingen jüngere Pastoren und Evangelisten, die bereit sind, als Missionare tätig zu sein. Bitte betet für diese hunderte von Mumuyedörfern in den Bergen und am Fluss, dass die Botschaft von der freimachenden Kraft Gottes rasch verbreitet werden kann. Die Mumuye warten darauf, sind sehr aufgeschlossen und aufnahmefähig. Wie spürbar der Wechsel von "Dunkel zum Licht" ist, merkt man in den Gottesdiensten der Mumuyegemeinden. Was im ganzen Hausagebiet (Anm.: Hausa = großer Volksstamm, der sich über ganz West Afrika erstreckt) völlig undenkbar ist, findet hier statt. Die Frauen haben regen Anteil am gottesdienstlichen Leben, durch Chor und Gemeindegebet (es wird in jedem Gottesdienst immer mindestens eine Frau aufgefordert laut zu beten) und öffentliches Zeugnis. Sie kommen nicht wie bisher in ihrem alten Glauben, "oben ohne", Pfeife rauchend, müde angeschlurft, Sondern sind farbenprächtig gekleidet und bringen ihre Babys auf dem Rücken mit. Ihr solltet sie singen und trommeln hören – lauter traditionelle Eigendichtungen. Keine englischen Lieder in Hausa. Wenn dann Frauenstunde ist, wird auch getanzt.  

 

Freude kommt da zum Ausdruck! Das ist überhaupt nicht zu vergleichen mit den düsteren Rhythmen der Julu-Tänzer. Wie die Freude Jesu einen deutlichen Ausdruck findet, das sieht man direkt. dann singen sie dazu z.B. das Lied: "Auf der Strasse mit Jesus."